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Viel Futter für den Steinfresser von Illertissen

Text: Beate Reuter-Manz (Beitrag in der  Südwest Presse/Ausgabe vom 8.2.19)

Wir wollten ein Zeichen setzen. Deshalb haben wir uns von unseren Steinen getrennt! Es war die richtige Entscheidung!“ Stefanie Tutscher und Mario Anders aus Kirchberg/Iller freuen sich aufs Frühjahr, wenn rund um ihren Garten-Schuppen die Natur wieder erwacht. Statt der Kieselsteine, die vorher etwa 30 Quadratmeter Fläche bedeckten, blühen dort seit vergangenem Sommer jede Menge Blumen. „Bis in den November hinein haben wir uns daran erfreut“, erzählt der Unternehmer. Einen Eimer voll Kies hat das Paar nach der Umgestaltung ein paar Kilometer weiter entsorgt. Symbolisch, auf der Jungviehweide in Illertissen. Dort steht nämlich ein so genannter „Steinfresser“. Der wiederum ist ein wichtiges Utensil der Aktion „Entsteint Euch“, einst initiiert von drei Naturfreunden und Gartenliebhabern. Die Aktion geht mittlerweile ins fünfte Jahr und erfährt bundesweite Resonanz.

Kampf der Steinepest

Der Reihe nach: Wer Dieter Gaißmayer kennt, den Inhaber der gleichnamigen Illertisser Staudengärtnerei, wundert sich kaum, dass der agile Gärtnermeister mit versiegelten Flächen ziemlich auf Kriegsfuß steht. Im Sommer 2014 wurde das Gemüt des Stauden-Experten überstrapaziert. „Jetzt reicht es mit diesen elendigen Steinwüsten überall“, polterte er nach einer Fahrt durch ein Wohngebiet. Was er in der Neubau-Siedlung zu sehen bekommen hatte, waren Steinschüttungen in Weiß und sämtlichen Grau-Tönen; ausgestreut vor Haustüren, in die Höhe gewachsen in Stahlgittern zu Trenn- und Sichtschutzelementen. Was er nicht (mehr) fand:  grüne Vorgärten mit Blumen und  Stauden, einem Baum, Büschen und Rasen. Gaißmayer beschloss, „gegen diese Steinepest“ anzukämpfen. In Rudolf Siehler, dem Kreisfachberater für Gartenkultur und Landespflege im Landratsamt Neu-Ulm, fand er einen ambitionierten Mitstreiter. Und einen Sommer später, zum offiziellen Auftakt der „Entsteint-Euch-Kampagne“, im Neu-Ulmer Landrat Thorsten Freudenberger einen zugkräftigen Schirmherrn.

Anfragen von überall

„Dass die Aktion seither solche Kreise zieht, freut uns ungemein“, sagt Thea Zedelmeier. Sie ist die Vorsitzende des Vereins „Förderer der Gartenkultur“ in Illertissen, bei dem die Kampagne mittlerweile angesiedelt ist. Anfragen bekommen die Gartenfreunde über ihre Homepage, schriftlich und telefonisch. Zum Beispiel von Pfarrer Norbert George von den Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinden Naunhof, Klinga und Erdmannshain bei Leipzig. In seinen kirchlichen Nachrichten veröffentlichte der Kirchenmann einen flammenden Aufruf, tote Steinschüttungen wieder in lebendiges Grün zu verwandeln.

Kecke Karten

Die vierteljährlich erscheinende bayerische Zeitschrift „Muh“ widmete der groß angelegten Aktion aus dem kleinen Illertissen in ihrer Sommer-Ausgabe ’18 gar die mehrseitige Titel-Story. Nochmals einen „richtigen Schub“, von Flensburg bis zum Bodensee, gab es für die Förderer der Gartenkultur nach einer Postkartenaktion. Zwei kecke Karten hat die Grafik-Designerin Lioba Schneikart kreiert. „Entsteinen Sie sich“ steht auf der einen, „Bei Ihnen lebt’s ja“ auf der  zweiten. Und durchaus Ernst zu nehmende Hinweise, was man auf einer Kiesfläche eben alles nicht machen kann. Als da wären: Blumensträuße pflücken, einem Spatzenstreit zuhören, Salbeiblätter für Tee ernten, Fuchsienknospen knallen lassen, Himbeeren pflücken, im Schatten liegen. „Mit erhobenem Zeigefinger erreicht man nichts“, kommentiert Zedelmeier die bunten Kärtchen, die im Garten-Museum ausliegen, Zeitschriften beigefügt oder auf Anfrage auch verschickt werden. „Die ersten 2000 Stück waren rasend schnell weg“, bilanziert Zedelmeier. 5000 wurden nachgedruckt.

Auch wenn die Förderer der Gartenkultur den Zeigefinger nicht erheben wollen, so nennt Kampagnen-Mitbegründer Rudolf Siehler doch knallharte Fakten. Steine verdichten den Boden immens, so dass es keinen Sauerstoffaustausch mehr gibt und deshalb auch kein Bodenleben oder Pflanzenwachstum. „Diese Flächen sehen nicht nur tot aus, sie sind es auch. Wo es keine Insekten und keine Samen gibt, kommen auch keine Vögel“, sagt er. Dass die Steinwüsten weniger Arbeit machen, sei ein Trugschluss. „Es sammelt sich Laub, das weg muss, und irgendwann kommt doch Unkraut durch.“

Gartenpfleger sensibilisiert

Rudolf Siehler berät und schult in seiner Eigenschaft als Kreisfachberater die Vertreter von 36  Gartenbauvereinen im Landkreis Neu-Ulm. 84 Gartenpfleger vor Ort hat der Mann fürs Entsteinen sensibilisiert. „Die  können dort einiges bewegen.“

Über einen wachsenden Berg von Steinen freuen sich die Förderer der Gartenkultur dann aber doch: Über den, der vom kleinen Steinbeißer in Illertissen gehütet wird. Denn jeder dort ausgeschüttete Kübel bedeutet eine Steinwüste weniger.